Die Schule Reicheneibach

In den ersten Jahrzehnten des Bestehens einer Schule in Reicheneibach war der Mesner der Lehrer, das Mesnerhaus zugleich das Schulhaus, in dem in der Wohnstube des Mesners die Schulkinder unterrichtet wurden. 1839 wird vom Schul- und Mesnerhaus berichtet, dass es mit einem Kostenaufwand von 325 Gulden „vollständig repariert“ wurde. 20 Jahre vorher hat sich das Schul- und Mesnerhaus in einem baufälligen Zustand befunden. Die Gemeinde Reicheneibach verzögerte vermutlich einen Neubau immer wieder, denn die Regierung des Unterdonaukreises klagt am 8. Juli 1822 darüber, dass „trotz Allerhöchster Resolution vom 7. April 1822 sich die Schulgemeinde keineswegs erklärte, wie sie den nötigen baren Geldbetrag zusammentragen wolle. Es wird daher wohl an der Zeit sein, dass man dieselbe mit Ernst zu Paaren treibe“. Die Regierung drohte, gegen die Schulgemeinde „executive (zwangsweise vollziehend) zu verfahren, damit der Bau heuer noch bewerkstelligt werden könne“. Am 9. August 1822 teilt die Gemeinde der Regierung mit, dass ihr von Seiten des Landgerichts zugemutet werde, den Kostenbetrag von 325 Gulden 52 Kreuzer bar aufzubringen. Daraufhin erwidert die Regierung, dass der Schulgemeinde die Möglichkeit gegeben sei, „durch selbstigen Ankauf fremder, teils durch Lieferung eigener Baumaterialien, soviel möglich ist, zu vermindern“. Das Landgericht wurde beauftragt, die Schulgemeinde zur „schleunigen Bewerkstellung des Baues anzuhalten“ und dieselbe zu belehren, dass es ihr zunächst obliege, die Kosten zu tragen. Am 7. Juli 1823 wurde der Regierung mitgeteilt, dass zu Reicheneibach „ein ganz neues Schulzimmer“ hergestellt sei. Das neue Schulhaus bestand demnach aus einem Klassenraum.

Im Jahr 1866 befand sich das Schul- und Mesnerhaus in einem Zustand, der eine Reparatur nicht mehr möglich machte, sondern ein Neubau notwendig war. „Was die Kosten anbetrifft, hat die Filialkirche ¾ und die Schulgemeinde ¼ beizutragen“. In einem Protokoll, unterzeichnet von dem Eggenfeldener Arzt Dr. Wulzinger, dem Baubeamten Lebender, dem Lokalschulinspektor Pfarrer Aigner von Gangkofen und dem Lehrer Wurm von Reicheneibach wird angeregt, das alte Schul- und Mesnergebäude abzubrechen und den Grund zur Erweiterung des Friedhofs zu verwenden. Der Bauer Johann Maisberger erklärte, 20 Dezimal von dem Grundstück Pl.-Nr. 10 als Bauplatz für das neue Schulhaus zur Verfügung zu stellen. Der Angrenzer Schwimm war ebenfalls bereit, von seinem östlich vom Bauplatz gelegenen Acker einige Dezimale abzutreten. Beim Schulhausbau sollen eingeplant werden: ein Schulzimmer für 70 Kinder, eine Lehrerwohnung, ein Zimmer für den die Filiale Reicheneibach betreuenden Kooperator aus Gangkofen und Räumlichkeiten für einen Ökonomiebetrieb von vier Tagwerk. Am 22. August 1867 beschließt die Schulsprengelvertretung den Ankauf von 20 Dezimalen aus dem sogenannten unteren Gartenacker des Bauern Johann Maisberger. Dieser erklärte,

1.     dass er für 1 Dezimale 3 Gulden fordere,

2.     dass der vorhandene Zaun und das Sträucherwerk sein Eigentum bleibe,

3.     dass die Schulgemeinde von Allerheiligen an über das Grundstück verfügen könne,

4.     dass er von dem jeweiligen Lehrer für Ein- und Durchfahrt nichts zu fordern habe,

5.     dass die Schulgemeinde die Vermessungs- und Verbriefungskosten trage.

Die Lage des Bauplatzes wurde als „ausgezeichnet geeignet“ begutachtet. „Der Baugrund besteht aus festem Lehm mit Tegel vermischt, so dass man ganz sicher auf eine gesunde und trockene Wohnung im Erdgeschoß rechnen darf. Alles gebräuchliche Material wird um Reicheneibach angekauft. Der Kalk wird von Mühldorf oder Ötting abgeholt. Das Hauptgebäude wird 48 Fuß (14,5 m) lang, 33 Fuß (8,8 m) breit und 2 Stock hoch. Das Erdgeschoß enthält die Lehrerwohnung mit einem Keller. Über die Stiege kommt der Schulsaal, 570 Quadratfuß (48,55 qm) haltend. Ferner werden ein Zimmer für den exponierenden Kooperator und noch weitere drei Lokale für den Lehrer geplant. Durch das Hinauslegen der Aborte aus dem Haus wird das ganze Haus von üblen Geruch verschont. Um alle Verdrießlichkeiten zu vermeiden, sollen Kuh- und Schweinestall 6-8 Schuh weiter östlich errichtet werden“.

Die beiden Angrenzer Schandl und Dallinger schlugen vor, den ganzen Acker mit 42 Dezimale zu erwerben und einzuzäunen, damit das Geflügel des Lehrers sich nicht auf den Grundstücken der Angrenzer befindet und so „steter Anlaß zu nachbarlichen Streitigkeiten gegeben ist. Was die Aborte betrifft, möchte es der Ökonomie vorteilhaft sein, wenn doch wenigstens die Kinderaborte nahe an der Dungstätte sich befinden“.

Als später Johann Maisberger trotz aller bisherigen Vereinbarungen erklärte, das Grundstück für den Schulhausbau nicht abtreten zu wollen, forderte die Regierung am 2. Mai 1868 die Einleitung des Zwangsentäußerungsverfahrens gegen Maisberger oder innerhalb von 14 Tagen einen anderen geeigneten Bauplatz auszumitteln. Es wurde mit dem Bauern Gotthard Aigner wegen Abtretung des Krautgartens Rücksprache genommen, jedoch ohne Erfolg.

Am 8. August gab Maisberger die „definitive Erklärung ab, von dem unteren Gartenackerl soviel Grund zur Erbauung des Schulhauses abzulassen als nötig sein wird“, wenn ihm bewilligt werde, die obere Erdschicht für sich verwenden zu dürfen. Für das Dezimale verlangte er eine Entschädigung von 6 Gulden. Neue Schwierigkeiten treten auf. Am 25 November 1868 erklärten Mitglieder der Schulsprengelversammlung, dass der „Gemeindevorstand Moser mit 9 Gleichgesinnten der größte Gegner des Schulhausbaues sei, weil ihm der Bauplatz nicht zusagt“. Für Moser war der Bauplatz von der Kirche zu weit entfernt und der Weg dorthin auch „sehr ruinös“. Die Schulverbandsmitglieder waren mit dem Bauplatz auf dem Acker des Maisberger einverstanden. Sie stellten das Ansuchen, „gegen den remitenten (widerspenstigen) Vorstand maßregelnd vorzugehen, da lediglich er allein an aller Gleichgültigkeit, an jeder Saumsal, wodurch er den Bau zu verzögern versucht, die Schuld trägt“. „Es bleibt dabei“, entscheidet die Regierung am 4. Februar 1869, „dass auf dem Grundstück des Johann Maisberger gebaut wird“. Zum Ankauf des Grundstücks wird aus der Kreisschuldotation ein Zuschuß von 150 Gulden bewilligt, Das Bez.-Amt Eggenfelden berichtet, dass Maisberger ein Fahrtrecht durch den Acker beansprucht. „Wenn er die hohen Behörden und die Schulsprengelvertretung zum besten hält, so soll das Grundstück auf dem Zwangswege erlangt werden“.

Am 6. Mai 1869 beschließt die Schulsprengelvertretung, den Bau in eigener Regie zu führen und als technischen Leiter den Maurermeister Michael Schmidwenzl aus Gangkofen zu beauftragen.

Das neue Schulhaus liegt 170 m von der Kirche entfernt, es ist Schul- und Mesnerhaus zugleich. Die Wohnung „in ebener Erde“ besteht aus dem Wohnzimmer, der Küche und der Speise und zwei Nebenzimmern. Das Unterrichtslokal befindet sich über einer Stiege auf der Ostseite und ist 48,55 qm groß. Das Stockwerk über der Stiege enthält noch ein Zimmer für den Lehrer und ein Zimmer für den Filialkooperator. Ein Brunnen ist vorhanden. Die Nebengebäude (Stadel, Stall, Holzschupfe), alles unter einem Dach, stehen nördlich des Hauptgebäudes, an das sich Wasch- und Backhaus anschließen. Der Garten ist umfriedet und wird zum Gemüsebau und zur Obstbaumzucht verwendet. Der Bau kostete 6.424 Gulden in bar und 2.227 Gulden als Hand- und Spanndienste verrechnet. Schulgemeinde und Kirchenstiftung trugen je die Hälfte der Baukosten.

Am 9. Oktober 1871 faßte die Kirchenverwaltung Reicheneibach den Beschluß, das alte Mesnerhaus, das Eigentum der Filialkirche ist, auf Abbruch zu verkaufen, damit der Friedhof erweitert werden kann. Die Versteigerung des Hauses mit Schupfe am 27. April 1872 erbrachte den Betrag von 306 Gulden. Die Schülerzahl stieg bis 1885 auf 90 Kinder, so dass das Schulzimmer viel zu klein war. „Eine Erweiterung des Schulzimmers wird sich nicht umgehen lassen.“ Auf welche Weise die Erweiterung geschah, ist nicht festzustellen. Vermutlich sich die Nebenzimmer mit einbezogen worden. Die Gesamtkosten wurden folgendermaßen umgelegt:

Gemeinde Anteil der Bausumme: Anteil der Hand- und

Spanndienste:

Reicheneibach 1.136,47 Mark 202,41 Mark
Sallach  

764,25 Mark

136,12 Mark
Obertrennbach 173,31 Mark 30,57 Mark
Haberskirchen 109,79 Mark 19,85 Mark
  2.183,82 Mark 388,95 Mark

In einem Bericht vom 3. November 1908 stellt das Bez.-Amt fest, dass das Schulzimmer in Reicheneibach mit 100 Kindern überfüllt sei. „Unter einer solchen Überfüllung leidet nicht nur der Lernerfolg der Schule, sondern auch die Gesundheit des Lehrers und der Schüler, so dass Abhilfe notwendig erscheint, um so mehr, als nach Art. 5 des Schulbedarfsgesetzes die Frequenz bei einer einteiligen Schule die Zahl 80 nicht übersteigen soll. Die einzige Möglichkeit ist deshalb, eine zweite Schulabteilung zu errichten. Die benachbarten Schulen sind sämtliche so stark besucht, dass sie weitere Kinder nicht mehr aufnehmen können.“

Das Bez.-Amt schlägt dem Schulsprengelausschuß vor, folgenden Beschluß zu fassen: „Die verstärkte Gemeindeverwaltung beschließt, die zur Errichtung einer zweiten Schulabteilung an der Schule Reicheneibach erforderlichen Räumlichkeiten, bestehend aus einem weiteren Lehrsaal und einem Zimmer für die Hilfslehrkraft, bereitzustellen. Diese beiden Räume sollen durch einen Anbau an das bestehende Schulhaus gewonnen werden. Die zur Herstellung des Anbaus erforderlichen Mittel sollen durch Aufnahme eines Darlehens gedeckt werden. Als Gehalt für die Hilfslehrkraft wird neben einer freien Wohnung im Schulhaus und freier Beheizung der Betrag von 820 Mark aus Mitteln der ganz oder mit Teilen zum Schulsprengel Reicheneibach gehörigen politischen Gemeinden bewilligt. Ein Kreiszuschuß zu den Baukosten und zum Gehalt für die Hilfslehrkraft wird noch besonders erbeten werden.“

Mit Befriedigung stellt das Bez.-Amt am 23. November 1908 fest, „dass der Beschluß einstimmig gefasst wurde. Für die in dieser Einstimmigkeit zu Tage tretende Opferfreudigkeit, sowie für das rege Verständnis für die gemeindlichen Aufgaben wird der verstärkten Gemeindeverwaltung die freudige Anerkennung des Bez.-Amts ausgesprochen.“

Das Bez.-Amt empfahl einen Anbau an der Ostseite mit zwei Lehrsälen und Abortanlagen. Die Kosten wurden auf 15.000 Mark errechnet. Bezüglich eines Aufbaus auf das Schulhaus bestanden Bedenken. Die Abortanlagen mussten ohnehin neu errichtet werden. Durch einen Anbau konnte die Lehrerwohnung erweitert werden. Das zu klein gewordene Gemeindezimmer, das „nicht alle Akten und Bücher aufnehmen kann, könnte günstiger situiert werden.“ Aus dem jetzigen Schulzimmer können zwei Zimmer für den Hilfslehrer und ein Lehrmittelzimmer erstellt werden.

Im „Rottaler Anzeiger“ vom 7. September 1909 erschien folgende Ausschreibung zum Schulhausanbau in Reicheneibach:

Erd-, Beton- und Maurerarbeiten

7.117,20 Mark

Adaptierungsarbeiten

557,00 Mark

Eisenlieferung

449,70 Mark

Zimmermannsarbeiten

2.443,00 Mark

Brunnen

210,00 Mark

Schreinerarbeiten

1.828,80 Mark

Schlosserarbeiten

552,20 Mark

Spenglerarbeiten

200,50 Mark

Blitzableiter

261,40 Mark

Hafnerarbeiten

500,00 Mark

Glaserarbeiten

244,10 Mark

Anstreicherarbeiten

247,60 Mark

 

14.611,50 Mark

Es wurde zur Auflage gemacht, den Anbau bis 15. Juli 1910 fertig beziehbar herzustellen.

Die Kirchenverwaltung tritt den für den Anbau benötigten Grund aus den Mesnerdienstgründen ab, das Dezimale um 30 Mark, erklärt aber, „dass der Kirchenstiftung in keinem Falle Kosten erwachsen dürfen, weder durch Änderung, noch durch Vermessung und Verbriefung. Die Kirchenverwaltung übernimmt auch keinerlei Unterhaltungskosten für die Zukunft für die aus dem jetzigen Schulzimmer entstehenden Lokale.“

Der Bez.-Bautechniker erstellte die Pläne, dem auch die Bauleitung und Bauaufsicht übertragen wurde. Im Anbau an der Ostseite wurden beide Schulsäle untergebracht. Es wurde ein Darlehen in Höhe von 7.800 Mark zu 4%iger Verzinsung aufgenommen; jährliche Rückzahlungsrate 780 Mark. In der Schulstellenbeschreibung von 1925/26 wird das Schulhaus beschrieben: Schulhaus freistehend am Eingang des Ortes, ruhige Lage, im Jahr 1869 erbaut, 1910 erweitert. Das Haus macht einen geschmackvollen Eindruck, ist zweistöckig, teilweise feucht; Blitzableiter vorhanden, Pumpbrunnen 5 m; Wasser viel, gut, genießbar; Waschküche neben dem Hause mit Waschkessel; Pumpbrunnen 4 m; Keller gut; Holzlege außer dem Hause, klein; Speicher groß, geräumig, für 2 Lehrkräfte, ohne Abschluß.

Lehrerwohnhaus, 1869
Anbau mit 2 Lehrsälen, 1910

Bilder vom Abbruch des ehemaligen Schulhauses von Ende Januar 2008